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KARLOS & Co. ERZÄHLUNGEN & KURZGESCHICHTEN:
Knast Storys, Gewöhnungs- & Szenen Geschichten, überwiegend von Karlos, Erzähler, pessimistischer Visionär, grundsätzlicher Misanthrop, aber gelegentlich auch Feiertags- und Wochendphilanthrop...-


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Im Strafbunker



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"Blut & Mohnmilch"

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Wir hatten Walters Mutter zum wiederholten Male dazu bewegen können, ihrem Sohn während des Besuches eine Portion Heroin in den Hemdkragen zu stecken. An diesem Tage wollte sie wieder zu Besuch kommen. Doch ausgerechnet an diesem Morgen war ich zur Arbeit aufgefordert worden. Gab ich dieser Aufforderung nach, verlegte man mich auf der Stelle in den C-Flügel, wo die Arbeitstätigen lagen und vorbei wäre es, mit Mamas Heroin. Gab ich der Aufforderung nicht nach, so nannte man das „Arbeitsverweigerung“, wie der Wachbeamte erklärte, der in der Öffnung der Zellentür stand und bereits ungeduldig mit seinem Schlüsselbund klimperte. Arbeitsverweigerung brächte mich auf der Stelle für vierzehn Tage in die Strafzelle im Keller. Ich hatte folglich die Wahl zwischen einer Zelle im C-Flügel und der Strafzelle im Keller. Die Strafzelle im Keller war für Schmuggelware leichter zugänglich als die weit entfernten Zellen des C-Flügels. Ich musste mich entscheiden. Ich sah Walter an. Walter schwieg, schloss aber langsam die Augen, nickte leicht und öffnete sie wieder. Ich hatte verstanden. Seine Antwort war deutlich genug. Ich wies zu meinem Schrank, der mit Kaffee und Tabak gefüllt war, die Währung des Hauses, und sagte, „Nimm soviel du dazu benötigst“. Danach schlug ich dem Wachbeamten auf die Schulter und sagte, „Komm, wir gehen“. Überrumpelt von der Plötzlichkeit meines Entschlusses, fragte er überrascht, „Wohin?“ und ich antwortete, „Wohin wohl? Zur Strafzelle in den Keller natürlich…“.

Doch so einfach war es auch wieder nicht, in die Strafzelle zu kommen. Erst musste man noch zum Gefängnisdirektor, der einen fragte, „Sie verweigern die Arbeit“? Ich bejahte. „Sie sind aber zur Arbeit verpflichtet“. „Ich weiß“, sagte ich. „Aber ihre Verpflichtung zur Arbeit verbirgt nur schlecht die Zwangsarbeit die dahinter steckt und Zwangsarbeit ist in unserem Lande verboten“. Dieser Gedanke war dem Direktor zu fremd und er weigerte sich, ihn auch nur in Betracht zu ziehen. Routiniert beschloss er, „Dann müssen sie für zwei Wochen in die Strafzelle“. Ich nickte ergeben. Erst nach diesem Ritual wurde ich in den Keller zu den Strafzellen geführt. Für einfache Geister sei erklärt, verstieß man in einem Gefängnis gegen die Vorschriften, konnte man dafür nicht ins Gefängnis geworfen werden. Dort war man immerhin schon. Für solche Fälle ward die Strafzelle erfunden…

Die Grundmaße der Strafzelle waren dieselben wie die einer Einzellzelle des gewöhnlichen „modernen Strafvollzugs“. Das bedeutete, viereinhalb Schritte lang und gerade so breit, dass man mit dem Ellenbogen eines angewinkelten Armes eine Seite berührte und mit den Fingerspitzen des ausgestreckten anderen Armes die andere Seite. In der Mitte stand ein Betonklotz, etwa sechzig Zentimeter hoch, siebzig cm breit und einen Meter und fünfundsiebzig Zentimeter lang. Darauf lag eine alte vergilbte Matratze, gefüllt mit uralten, trockenen und knisternden Algen, Seegras, wie es auch genannt wurde. Nach Tabak schmachtende Gefangene rauchten gelegentlich davon. Auf der Matratze lag eine alte braune Wolldecke. Sie musste schon lange dort gelegen haben, denn sie trug das Abbild eines Reichsadlers, der finster blickend, einen Lorbeerkranz mit Hakenkreuz in den Klauen hielt. An der Wand stand ein kleiner grober Holztisch, darunter, ein Schemel. In der Ecke rechts der Tür, stand eine Toilettenschüssel ohne Brille und ohne sichtbaren Spülkasten. Der Spülkasten war in die Wand eingearbeitet. Eine elektrische Klingel musste betätigt werden, damit jemand kam und ihn von draußen betätigte. Neben der Toilettenschüssel hingen ein kleines Handwaschbecken und darüber ein handtellergroßer polierter Blechspiegel. An der Schmalseite des Raumes, der Tür gegenüber, befand sich anstelle eines Fensters nur eine kleine Metallklappe in der Größe einer Zigarettenpackung. Sie diente der Frischluftzufuhr…

Wer glaubte, man könne sich gleich nach Betreten der Strafzelle entspannt auf der knisternden Seegrasmatratze ausstrecken, der irrte. Erst musste noch der Arzt kommen um einen zu untersuchen, ob man gesundheitlich auch befähigt war, zwei Wochen unter verschärften Haftbedingungen zu überstehen. Danach musste noch der Anstaltspfaffe erscheinen, der nirgendwo fehlen durfte, wo Macht zum Ausdruck kam. Den jungen Arzt ließ ich gar nicht erst zu Wort kommen. „Ich wiege momentan fünfundsiebzig Kilo“, sagte ich zu ihm. „Sollte ich während meines Aufenthaltes in diesem Loch auch nur ein Pfund abnehmen, mache ich sie persönlich dafür strafrechtlich wegen vorsätzlicher Körperverletzung verantwortlich“. Der Arzt erschrak. Bleich, wandte er sich an einen Wachbeamten und befahl, „Dieser Gefangene erhält täglich doppelte Rationen“. Kaum war der Arzt weg, erschien der Pfaffe. Ich kannte die Strafvollzugsordnung und wusste daher, jedem Gefangenen standen die Gegenstände zur Ausübung seiner Religion zu. „Ich bin Mohammedaner“, erklärte ich dem Pfaffen. „Ich wünsche zur Ausübung meiner Religion einen Koran in deutscher Sprache, einen Gebetsteppich und einen Kompass“. Hatte der Pfaffe schon bei den ersten beiden Artikeln die Augen verdreht, so war ihm beim letzten der Mund aufgegangen. „Einen Kompass?“, fragte er erstaunt. „Aber ja“, sagte ich. „Einen Kompass. Oder können sie mir so auf Anhieb sagen wo genau Osten und somit Mekka liegt?“ Nein, das konnte er nicht, und so machte er sich in aller Demut auf den Weg, die erwünschten Gegenstände zu besorgen...

Kaum war der Pfaffe weg, musste ich aus der Zelle in den Korridor treten und alle Kleidung ablegen. Man wuschelte durch meine Haare, guckte in meinen Mund, in meine Ohren, unter die Arme, zwischen die Zehen und in den Arsch, ob ich nicht vielleicht irgendwo eine Panzerfaust verborgen hatte. „Bücken! Backen spreizen!“, befahl der Wachbeamte. Ich gehorchte. Der Wachbeamte klemmte eine kleine leuchtende Halogenstablampe zwischen seine Zähne und ging hinter mir in die Hocke. „Wenn du jetzt scharf hinsiehst“, empfahl ich, „siehst du meine Mandeln“. Danach bekam ich einen frisch gewaschenen Overall und durfte wieder in die Strafzelle zurück. Kaum war hinter mir die Tür verschlossen worden, sah ich mir die vergilbte Seegrasmatratze der Zelle etwas genauer an. Links, am Kopfende, war die Naht ein wenig geöffnet. Nicht viel, aber doch weit genug um einen kleinen Finger ins Matratzeninnere zu wurmen. Durch das vergilbte Matratzentuch befühlte ich die Stelle wo die Öffnung sich befand. Gut verborgen zwischen Strähnen trockenen Seegrases, fühlte ich einen kleinen länglichen Gegenstand. Ich fummelte ihn aus der Matratze und hielt einen Tropfer in der Hand, an dem mit Klebestreifen der stählerne Teil einer Injektionsnadel befestigt war. So weit hatte es also geklappt, dachte ich. Hab Dank, Walter. Was diese Aktion an Tabak und Kaffee gekostet haben mochte, wollte ich mir gar nicht erst vorstellen. Nach weiterem Tasten und Stöbern im Seegras fand ich noch etwas Tabak und ein Feuerzeug. Zigarettenblättchen allerdings, fand ich keine. Walter wird doch nicht so dämlich sein, Zigarettenblättchen zu vergessen? Vielleicht waren sie aber auch nur während des Transportes irgendwo hängen geblieben oder verloren gegangen. Kaum hatte ich die Sachen gut wieder im Seegras der Matratze verstaut, als die Kostklappe an der Zellentür geöffnet wurde und der schweißnasse Kopf des Pfaffen erschien. Sichtlich erschöpft versicherte er, alles, aber auch alles habe er versucht, um meine Wünsche zu erfüllen. Am Ende habe er aber doch nicht mehr weiter gewusst. Woher solle er auch einen Koran in Deutscher Sprache nehmen, einen Gebetsteppich und einen Kompass? Er habe aber, quasi als Ersatz, eine Bibel mitgebracht. Nicht etwa irgendeine Bibel, oh nein, weit gefehlt. Es war eine Kirchenbibel und es handelte sich sogar, wie Hochwürden mit Nachdruck versicherte, um die Kirchenbibel seiner eigenen Pfarrkirche. Es war jedenfalls eine ungeheure Bibel, die er schließlich durch eine etwas zu kleine Kostklappe würgte. Damit, so bat er, möge ich vorlieb nehmen.
Die monströse Bibel war größer als ein Telefonbuch und sicher eine Handbreit dick. Sie hatte zwei barock verzierte Messingschnallen, die mit einem Schlüsselchen verschließbar waren. Dass es sich bei dem Ungetüm tatsächlich um die Bibel aus einer katholischen Kirche handelte, war nicht zu bezweifeln. Man roch es nur allzu deutlich. Diese Bibel befand sich noch keine fünf Minuten in meiner Strafzelle und schon roch es überall nach Weihrauch. Durch das jahrelange Liegen in einer katholischen Kirche, wo tagtäglich die kannibalistischen Riten dieser Leute praktiziert wurden, mit Blut, Menschenfleisch und Räucherwerk, war das gute Stück regelrecht mit Weihrauch imprägniert worden. Weihrauchgeruch hing in jeder Faser dieser Bibel und bald auch in jeder, aber auch jeder Ecke meiner Strafzelle…

Als gegen zweiundzwanzig Uhr das Licht erlosch, wartete ich noch etwa eine Stunde um sicher zu gehen, dass man mich in Ruhe ließ. Erst dann, holte ich Tabak und Feuerzeug aus der Matratze. Für die fehlenden Zigarettenblättchen hatte ich bereits Ersatz gefunden. Gefangene in ähnlicher Situation drehten, des dünnen Papiers wegen, ihre Zigaretten oft aus Anklageschriften, Haftbefehlen oder Gerichtsschreiben. Ich dagegen drehte die meinen aus den Seiten meiner famosen Bibel. Kaum ein anderes Buch hatte so dünnes Papier wie Bibeln. Fachleute, wie etwa Buchbinder, nannten sehr dünnes Papier dann auch nicht umsonst „Bibelpapier“…

Nie hätte ich gedacht dass ich jemals vor der Gewissensfrage stünde, drehte ich meine Zigaretten nun mit Papier des Alten- oder doch besser mit dem des Neuen Testaments? Diese Frage gewann an Gewicht, bedachte man, sie ermöglichte es, ein Leben lang wahrheitsgemäß darauf hinzuweisen, man habe diesen oder jenen Teil der Bibel nicht nur gelesen, man habe ihn sogar einverleibt, inhaliert, ja, regelrecht in sich aufgenommen…

Als getaufter Christ entschied ich mich am Ende dann doch für das Neue Testament. Die Briefe der Apostel rauchte ich nicht. Sie schmeckten gewiss auch fade. Die abgedrehten Offenbarungen des Johannes rauchte man besser auch nicht. Gott alleine mochte wissen, in welchem Zustand man sich danach befand. Puritanisch, hielt ich mich schließlich streng an die Evangelien. Durch den vielen Weihrauch im Papier, gewannen meine Selbstgedrehten etwas Orientalisches. Ihr Geruch ließ an Räucherstäbchen denken, an Zimbelklänge und an rhythmisch sich windende verschleierte Weiber in verdunkelten Beduinenzelten. Bei der dritten Zigarette hatte ich den Eindruck, ich sei stoned geworden und hörte bereits Stimmen. Bei näherem Hinhören ergab sich, die Stimmen waren echt. Die Jungs aus der Zelle über der meinen riefen nach mir…

Walter, so erfuhr ich von ihnen, hatte ein Päckchen abgegeben, dass sie mir zukommen lassen wollten. Dazu müsste ich nur die Lüftungsklappe der Strafzelle öffnen, hörte ich sie erklären, und den Bindfaden ergreifen, der davor hin und her schwang. Ich lugte mit einem Auge durch die geöffnete Klappe und sah den Bindfaden. Ich ergriff ihn mit Zeige- und Mittelfinger wie mit einer Pinzette und zog ihn zu mir herein. Am Ende des Bindfadens hingen fünf in Stanniol verpackten Filterzigaretten. Das konnte doch nicht alles sein, dachte ich, oder? Vorsichtig fühlte ich über die Zigaretten. Gewicht und Konsistenz von zweien schien nicht identisch mit Gewicht und Konsistenz gewöhnlicher Filterzigaretten. Sie waren härter und wogen schwerer...

Im Schein des wenigen Lichts, das von den Scheinwerfern draußen an der Gefängnismauer durch die Lüftungsluke drang, breitete ich das Stanniol, in dem die Zigaretten verpackt waren, auf dem Bett aus. Ich hielt eine der auffälligen Zigaretten darüber und riss sie der Länge nach auf. Feines helles Pulver rieselte daraus hervor. Ich riss die zweite auf und auch sie barg, unter einem anfänglichen Stöpsel gewöhnlichen Tabaks, feines Pulver. Ich benetzte die Spitze meines Zeigefingers mit etwas Speichel, tupfte mit dem feuchten Finger auf das Pulver und führte ihn zum Mund. Sofort verbreitete sich in meiner Mundhöhle der bittere Geschmack von potentem Heroin. Etwa drei Gramm Heroin lagen vor mir auf dem Bett. Hab Dank, Walter. Die Jungs von oben riefen erneut und wieder schwang ein Bindfaden vor meiner Luke. Diesmal hingen zwei Fingerlinge voll Tabak daran, aber keine Blättchen. Was wohl in Walters Kopf vorging? Doch das mit den Fingerlingen hatte er gut bedacht. Fingerlinge waren unentbehrlich, wollte man unter meinen Umständen Waren gut und trocken verbergen. Für die Unwissenden sei erklärt, ein Fingerling ist wie ein Kondom für Finger, kleiner als ein gewöhnlicher Kondom und von dickerem Gummi. Fummelten Ärzte ihren Patienten aus medizinischen Gründen im Arsch, trugen sie dabei einen Fingerling. Fummelten sie zum reinen Vergnügen, ließen sie den Fingerling weg…

Das Essbesteck in dieser Strafzelle bestand aus einem Metalllöffel mit Kunststoffgriff und Gabel und Messer aus Kunststoff. Ich hatte Glück, dass wenigstens der Löffel von Metall war. Wäre auch er von Kunststoff gewesen, müsste ich das Pulver schnupfen oder auf dem vielleicht löchrigen Stanniol von Walters Päckchen in Lösung bringen...

Manche mögen schon vom Injizieren mit einem Tropfer gehört oder gelesen haben. Ich glaube Bill, der Amerikaner, schrieb darüber. Man umwickelt das stumpfe Ende der Nadel mit einem Streifen feuchten Zigarettenpapiers oder Toilettenpapiers, damit ein papierener Konus entsteht. Mit diesem Konus voran, pfropft man die Nadel in die Öffnung des Tropfers. Mit Tropfer zu injizieren ist in aller Regel einfach. Da Tropfer aber nicht viel Lösung fassen, sollte man nicht zu hoch dosiert sein. Ist man es doch, erfordert es unter Umständen mehrere aufeinander folgende Injektionen. Man benötigt ein wenig Geschick, aber man hat den Dreh rasch raus. Man hält den gefüllten Tropfer mit der Nadel nach oben und quetscht das Gummibällchen zwischen Daumen und Zeigefinger platt. Während man nach einer Vene stochert, hält man das Bällchen gedrückt. Will man prüfen ob man auf Blut gestoßen ist, verringert man den Druck auf das Bällchen ein wenig. Schießt dabei Blut in den Tropfer, ist man am Ziel. Danach drückt man das Bällchen mehrmals, bis man redlicherweise annehmen kann, dass sich nur noch Blut und kein Molekül Heroin mehr im Tropfer befindet...

Im Dunkeln eine Vene zu finden, ist kein Problem. Man kann Venen, die man nicht sieht, ertasten. Ist es zu finster oder liegen Venen zu tief unter der Haut oder sind sie auch einfach nur zu klein um sichtbar zu sein, findet man sie durch leichten prüfenden Druck mit der Fingerspitze. Gewebe, unter dem sich eine Vene verbirgt, federt rascher wieder nach oben. Im Dunkeln eine Vene zu finden ist folglich nicht schwer. Die Kunst besteht darin, sie mit einer Nadel zu treffen. Auf Blut zu stoßen war und blieb ein magisches Erlebnis. Schön, wie rotes Blut in den Tropfer schoss, einen Augenblick lang starr und gerade blieb wie ein Faden, im nächsten Moment auseinander faserte wie Wolle, um am Ende wie eine Blüte den Tropfer zu füllen. Hinterher rauchte ich noch einige mit Bibelpapier gedrehte Zigaretten und verstaute danach alles wieder gut im Seegras der Matratze. Ein weiser Entschluss, wie sich am nächsten Morgen zeigen sollte…

Am nächsten Morgen wurde ich, noch vor der Frühstücksausgabe, aus der Strafzelle geholt. Im Korridor musste ich meinen Overall ausziehen und wurde erneut untersucht. „Bücken! Backen spreizen“! Diesmal erzählte ich dem Wachbeamten, der mit seiner brennenden Stablampe zwischen den Zähnen hinter mir kauerte, „Heute hat mein Arschloch etwas Spirituelles. Siehst du es lange genug an, erkennst du dich selbst“. Unterdessen durchsuchten drei Wachbeamte die Strafzelle und fanden nichts. Heroin und Tropfer trug ich, im Fingerling wasserdicht verpackt, tief im Arsch. Tabak und Feuerzeug waren so gut im Seegras der Matratze verborgen, man müsste die ganze Matratze der Länge nach aufschlitzten, wollte man es finden…

Als ich hinterher die Strafzelle wieder betrat und die Tür hinter mir verschlossen worden war, fand ich einige Glasscherben auf dem kleinen Sims unter der Lüftungsluke, die vor der Durchsuchung der Strafzelle mit Sicherheit noch nicht dort gelegen hatten. Offenbar spielten die uniformierten Schelme der Wachmannschaft ein Spiel mit meinem Leben. Vermutlich hatten sie schon untereinander Wetten abgeschlossen, ob ich im Laufe der zwei Wochen in diesem Loch Selbstmord beginge und wie lange es bis dahin dauerte….

Zwei Tage später war erneut Zellenkontrolle. Als ich diesmal die Zelle wieder betrat, machte mich einer der Wachbeamten auf ein gewinkeltes Rohrstück aufmerksam, dass knapp unter der Decke aus einer Wand kam und nach einem Bogen von neunzig Grad in der anderen wieder verschwand. „Nimmt man seinen Overall als Strick“, erklärte der Wachbeamte und wies mit dem Finger zum Rohrstück hoch, „kann man sich daran gut erhängen“. Es war ein Spiel dieser Leute. Sie langweilten sich und wünschten ein wenig mehr Pfeffer in ihr fades Leben, selbst sei es auf Kosten des Lebens anderer Leute. Es waren eben einfache Geister, die in solchen Gefängnissen Dienst taten…

Als ich wenige Tage später, nach einer erneuten Zellenkontrolle und Leibesvisitation im Gang, wieder in die Strafzelle kam, lag dort, wo zuvor die Glasscherben gelegen hatten, eine brandneue Rasierklinge. Sie gaben offenbar nicht so rasch auf, die Jungs vom Amt…

Als die zwei Wochen vorüber waren, gab ich dem Pfaffen die dünner gewordene Bibel zurück. Der Arzt kam und fand, ich hatte während der beiden Wochen sechs Pfund zugenommen. Als ich die Strafzelle verlassen sollte, blieb ich störrisch auf die Seegrasmatratze sitzen, schüttelte entschlossen den Kopf und sagte„Ich gehe hier nicht raus“. Die Wachbeamten sahen einander an. Einer brummte, „Wie, du gehst nicht raus“? „Wozu soll ich raus gehen?“, fragte ich. „Ihr belästigt mich doch nur wieder mit Arbeit und da ich sie wieder verweigern würde, steckt ihr mich doch wieder vierzehn Tage in diese Strafzelle. Deshalb bleibe ich doch besser gleich hier“. „SOFORT RAUS!“ brüllten die Wachbeamten im Chor. Sie stürzten in die Strafzelle und warfen sich auf mich. Ich widersetzte mich so gut ich konnte. Ich strampelte, schrie, biss und spukte und schlug um mich, aber es half nichts. Zu viert zerrten sie mich schließlich an Haaren, Armen und Beinen aus der Zelle in den Gang hinaus. Kurz danach war ich wieder bei Walter in der Gemeinschaftszelle. Wieder unter Menschen, erfuhr ich, der Chef der Wachabteilung der Strafzellen im Keller, der Mann also, dessen Untergebene so eifrig meinen Selbstmord herbei gesehnt hatten, war tot. Er hatte Selbstmord begangen. In den Zeitungen hatte zwar gestanden, er habe sich beim Rasieren tödlich verletzt, aber wie alle seine Kollegen zu berichten wussten, hatte er sich mit einer Überdosis Schlaftabletten das Leben genommen. Ich fragte mich, wäre der Mann noch am Leben, wenn ihm und seinen Untergebenen gelungen wäre, mich in den Selbstmord zu treiben? Hätte mein Tod genügt, seinem Leben wieder soviel Auftrieb zu geben, um es noch eine Weile zu ertragen?

Die Sklaventreiber kamen nicht schon am nächsten Morgen wieder, um mich mit Arbeit zu belästigen. Drei Tage lang sah und hörte ich nichts von ihnen. Doch dann wurde ich morgens gegen sechs Uhr aus der Zelle geholt und mit einem Einzeltransport im Streifenwagen der Polizei in ein anderes Gefängnis gebracht. Dort hoffte man, mit den richtigen Methoden doch noch einen gehorsamen Bürger, einen willigen Fließbandsklaven, aus mir zu machen…

Carlitos Amsel vom Holunderstrauch



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